November 21

Moe. Ein Leben mit dem Autismus I

Dieser Beitrag soll nicht erklären was Autismus ist. Erstens könnte ich das aus medizinischer Sicht gar nicht und außerdem wäre es ein viel zu komplexes Thema.

Aber ich kann von meinem kleinen Enkelsohn berichten. Er ist acht Jahre alt und Autist. Im Laufe der nächsten Zeit wird jeder aus der Familie, aus seinem näheren Umfeld, einen Beitrag schreiben. Denn jeder hat eine andere Sicht der Dinge.

Maurice oder Moe wie wir ihn in der Familie alle liebevoll nennen, außer wenn er was angestellt hat 🙂 Also Moe wurde 2008 geboren. Er war, wie alle Babys, einfach nur süß. Alle Tests, die nach jeder Geburt sofort gemacht werden, bestand er mühelos. Das erste Jahr verging und nichts deutete darauf hin, dass irgendetwas anders war bei ihm. Was auffiel, dass er keine Anstalten machte zu reden. Während andere in diesem Alter mindestens schon mal Mama oder Papa sagen können interessierte er sich so gar nicht dafür etwas zu sagen. Seine Eltern fragten den Kinderarzt der daraufhin eine Untersuchung des Gehörs veranlasste. Leider war diese Untersuchung nicht so einfach, da Moe sich nicht sehr kooperativ zeigte. Nach und nach merkten wir alle, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte ohne dass wir es genauer beschreiben konnten bzw. einige von uns es wohl auch nicht wollten.

Die Gewissheit kam um seinen dritten Geburtstag herum. Nach diversen Untersuchungen dann die niederschmetternde Diagnose „Frühkindlicher Autismus“.

Wir waren alle zutiefst erschüttert. Was bedeutete diese Diagnose. Für uns und vor allem für den kleinen? Natürlich hatten wir den Begriff Autismus alle schon gehört und der ein oder andere hatte auch eine vage Vorstellung was er bedeutet. Das diese Vorstellung tatsächlich nur vage war lernten wir in den folgenden Jahren sehr schnell.

Moe wollte außer seiner Flasche mit Säuglingsnahrung nichts essen. Als wir versuchten ihn mit einem Löffel zu füttern und sei es nur mit püriertem Obst, weigerte er sich. Von fester Nahrung ganz zu schweigen. Beim ersten Stück Brot das er einfach schluckte statt zu kauen dachten wir er würde daran ersticken. Auf Nachfrage beim Arzt hörten wir das es keine Medizinischen Probleme gäbe, die es ihm unmöglich machten zu kauen und zu schlucken.

Irgendwann langt es für ein Kleinkind allerdings nicht mehr nur die Säuglingsnahrung aus der Flasche zu sich zu nehmen. Wir fütterten ihn also mit Brei der in die Flasche abgefüllt wurde und ein größerer Sauger ermöglichte ihm diesen Brei quasi zu trinken. Auch das war anfangs sehr schwierig. Immer wieder versuchten wir es mit kleinsten Brotstückchen oder zerdrückter Banane usw. Eines Tages nahm er tatsächlich Nahrung mit einem Löffel zu sich. Widerwillig zwar aber es klappte. Mit dem Brot war das so eine Sache. Er weigerte sich es anzufassen. Also schnitten wir es in kleinste Häppchen und gaben ihm eine Gabel dazu. So aß er sein erstes festes Stück Nahrung mit ca. zwei Jahren. Immer mit der Ermahnung er solle kauen und nicht schlucken. Immer mit angsvollen Blicken, von beiden Seiten. Dann eines Tages nahm ich ein Stück Brot, legte es ihm auf seine Handfläche und es gelang mir seine Hand zu seinem Mund zu führen bis er das Brot in den Mund nahm und aß. Es war wie Weihnachten. So bedeutend wie die ersten Schritte oder die ersten Worte für andere Kinder sind. Wir alle konnten uns vor Freude kaum halten. Von diesem Moment an hatte er keine Probleme mehr feste Nahrung zu sich zu nehmen. Die Zeit der zerbissenen Sauger war vorbei.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt wusste noch kein Arzt was ihm fehlte. Erst wie oben schon erwähnt mit drei Jahren kam die Diagnose die unser aller Leben veränderte.

Autismus

Mittlerweile hatten einige innerhalb der Familie aber schon selber diesen Gedanken geäußert. Aber, zumindest ich, wollte es wohl einfach nicht akzeptieren. Es ist nicht einfach mit einem autistischen Kind zu leben. Das Leben wie es vorher war gibt es nicht mehr. Allerdings gibt es dafür etwas anderes für mich. Ein ganz besonderes Kind, das ich liebe und, genau wie meine anderen Enkel, nicht missen will. Aber er ist kein Kind das anders behandelt wurde, außer in seiner Förderung. Machte er Blödsinn bekam und bekommt er auch Ärger wie die anderen Enkel. Es werden nicht mehr Rituale abgehalten als bei ihnen. Ist er über Nacht bei mir muss er sich das Lied „Guten Abend, Guten Nacht“ genauso anhören wie seine drei Cousinen vor ihm, denen ich es vorgesungen habe. Es steht nicht jeden Morgen auf dem Frühstückstisch die gleiche Marmelade an der gleichen Stelle. Er sitzt auch nicht immer auf dem selben Stuhl. Eben einfach wie er grad möchte oder es passt. Bisher haben ihn solche oder ähnliche Veränderungen überhaupt nicht gestört. Er hat es eben auch nicht anders kennen gelernt. Vielleicht, so die Meinung einiger Experten, ist das genau die Ursache dafür, das Moe nicht diese Angst vor Veränderungen hat wie es bei Autisten üblich ist. Wissen können wir es alle nicht, da er bis heute leider kein einziges Wort spricht.

Längerer Blickkontakt fällt ihm schwer aber er kuschelt sehr gerne und jedes Familienmitglied bekommt zur Begrüßung und zum Abschied ein Küsschen. Er macht sich seine Brote meistens selbstständig, isst mit Besteck und trinkt alleine. Die Kommunikation klappt auch ohne Worte und Gesten sehr gut. Und das Highlight, seit einigen Wochen braucht er tagsüber keine Windeln mehr. Das sind Momente voll Freude und unbezahlbar.

Moe wird bald neun Jahre alt.

 

 

 

 




Veröffentlicht21. November 2016 von Mija in Kategorie "Was zum diskutieren", "Was zum mitfühlen

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