Dezember 14

Moe. Ein Leben mit dem Autismus II

Am 21.11 dieses Jahres habe ich einen Beitrag über meinen 8-jährigen Enkelsohn Maurice, genannt Moe geschrieben. Heute möchte mein Sohn Dennis, der Papa von Moe etwas dazu erzählen. Hier nun sein Beitrag.

 

autismus2Quelle Bild: Pinterest

Ja, mein Sohn Moe. Er ist mein Sonnenschein und es gibt nichts was ich nicht für dieses kleine Energiebündel machen würde. Darin unterscheidet sich die Beziehung zwischen ihm und mir wohl nicht von anderen Vater/Sohn Beziehungen. Einer meiner glücklichsten Tage war der Tag seiner Geburt vor nunmehr fast neun Jahren. Kein einziges dieser Jahre möchte ich missen. Sie haben mich verändert. Wie sehr konnte ich am Tag seiner Geburt allerdings nicht wissen. Heute möchte ich einige Geschichten aus meinem Leben mit Moe erzählen.

Meine Oma also Moe’s Uroma war die erste die meinte, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie selbst hat fünf Kinder, 9 Enkel und 10 Urenkel. Sie bemerkte das Moe sich nicht so bewegte wie die anderen, er zog sich nicht an Gegenstände hoch, er krabbelte nur  und machte erst Recht  keine Anstalten zu laufen. Nun sind ja alle Kinder verschieden. Das eine lernt eben schneller laufen und sprechen, das andere später. Also kein Grund zur Besorgnis. Zumal er dann an Weihnachten, kurz vor seinem ersten Geburtstag tatsächlich die heiß ersehnten ersten Schritte machte. Also alles in Ordnung.

Das folgende Jahr verlief ruhig außer das Moe nicht sprechen wollte. Wie alle Eltern warteten wir auf das erste Wort. Endlich Mama oder Papa hören. Aber es kam nicht. Die ersten Diagnosen waren, dass er beim Sprechen wohl einfach ein Spätentwickler sei. Aber man wolle auf jeden Fall mal sein Gehör testen. Die Tests waren aber dadurch, dass Moe nicht mitspielen wollte nicht durchführbar und so wollte man warten bis er etwas älter war.

Was mir genau so viel Sorgen machte, das er nur aus einer Nuckelflasche trank. Er verweigerte die Lerntasse ebenso wie einen normalen Becher. Zu einem riesigen Problem wurde es Weihnachten 2010. Wir waren bei seiner Oma in Bayern zu Besuch. Im Gepäck natürlich etliche Sauger für seine Trinkflaschen. Moe hatte sich nämlich angewöhnt, diese Sauger dutzendweise zu zerbeißen. Das Ergebnis war, dass bald alle kaputt waren. Selbst die Notreserve war bald verbraucht.  Nun ist es so, egal in welchem Bundesland, Weihnachten haben alle Geschäfte geschlossen. Wie sollten wir unseren kleinen jetzt mit Getränke versorgen. Schließlich wussten wir, dass Flüssigkeit sehr wichtig ist für Kleinkinder und bis die ersten Geschäfte wieder aufmachten, würden noch noch drei Tage vergehen. Wir wandten sämtliche Tricks. Wir nahmen ihn auf den Schoss hielten seinen Kopf und versuchten ihm mit einem Becher  Saft zu geben. Etliche Pullover wurden durchnässt aber Moe hatte noch keinen Schluck getrunken. Nichts half er wollte einfach nicht aus einem Becher trinken. Dabei hatte er Durst. Er trank immer viel.  So kam es, dass er in der Nacht so lange weinte, bis er vor Erschöpfung einschlief. Nur wer selbst Kinder hat wie entsetzlich das auch für die Eltern ist, die ihrem Kind nicht helfen können. Nach und nach schafften wir es aus dieser Not heraus, dass er nach zwei Tagen tatsächlich aus einem Becher trank. Bis er dieses Kunststück ganz alleine bewältigte dauerte es dann nur wenige Tage.

Ein Ereignis, das ich wohl nie mehr vergessen werde, ist die Geschichte mit dem Fenster. Da Moe es sich angewöhnt hatte diese immer wieder zu öffnen und Gegenstände auf den Bürgersteig zu werfen, versahen wir die Fenster mit Sicherheitsschlösser. Eines Nachts wurde ich aus einem unerklärlichen Grund wach. Als ich in das Zimmer meines Sohnes blickte, stockte mir der Atem. Nie werde ich diesen Anblick vergessen. Da stand mein kleiner auf der Fensterbank des weit geöffneten Fensters. Dazu muss ich noch sagen, das wir damals im dritten Stock wohnten. Ich musste mich beherrschen nicht hektisch zu laufen oder gar zu schreien, was ich in diesem Moment am liebsten getan hätte. Aber auch bloß nicht zu langsam sein. Vorsichtig ging ich auf ihn zu und hoffte nur, dass er sich nicht gerade jetzt umdrehen würde. Nach gefühlten endlosen Stunden erreichte ich ihn, zog ihn vom Fensterbrett und ließ mich mit ihm auf den Boden fallen. Ich hielt ihn so fest ich konnte, wie erstarrt durch meine Angst.

Am nächste Tag überprüfte ich die Sicherheitsschlösser. Sie waren unbeschädigt und ich  musste mir eingestehen, dass ich wohl vergessen hatte sie abzuschließen. Ich konnte mir das allerdings nicht erklären, da ich es jeden Abend überprüfte. Dann sah ich eines Tages, dass Moe am Schloss herumspielte und er es vor meinen Augen öffnete. Ohne Schlüssel. Ähnliche Aktionen erlebte ich immer wieder aber keine war so dramatisch.

Viel lieber erinnere ich mich da an Geschichten wie die folgende.

Wir waren bei meiner Mutter zu Besuch. Seid einiger Zeit hatte Moe seinen Spaß daran etwas in den Müll zu werfen. Er freute sich über jeden noch so kleinen Papierschnipsel den er fand um ihn in den Mülleimer zu befördern. So war es fast schon natürlich das sein erstes Wort seiner Leidenschaft galt: „Mühhl“ Bei diesem besagten Besuch kam es, dass meine Mutter niesen musste. Moe lief zum Wohnzimmerschrank, öffnete eine Schublade, holte eine Packung Papiertaschentücher heraus. Mit einem der Tücher wischte er ihr über die Nase, brabbelte sein „Mühhl“ und warf  das Tuch in den Mülleimer. Danach kam er zurück und forderte Applaus. Er bekam natürlich Standing Ovations,

Vor fast fünf Jahren dann eine Entscheidung die mir fast das Herz brach. Wir bekamen die Empfehlung Moe in eine Einrichtung unterzubringen die sich speziell mit autistischen Kindern und deren Förderung beschäftigt. Es war nicht möglich Moe auch nur für eine Sekunde unbeaufsichtigt zu lassen, da er gerne an Schaltern spielte. Er machte den Herd an und in dem Moment in dem man diesen wieder ausschaltete, setzte er die Waschmaschine in Betrieb oder öffnete sämtliche Wasserhähne. Natürlich wusste ich vom Verstand her, dass es für Moe das beste wäre. Aber meinen kleinen nicht mehr jeden Tag bei mir zu haben war damals unvorstellbar für mich. Nach schlaflosen Nächten und endlosen Debatten um das für und wider trafen wir die Entscheidung es mit der Einrichtung zu versuchen. Wir durften ihn jederzeit sehen und an den Wochenenden nach Hause holen. Falls wir es wollten, könnten wir ihn auch jederzeit wieder ganz zu uns holen. Das hat uns die Entscheidung etwas erleichtert.

Heute nach fünf Jahren habe ich die Gewissheit, dass es für Moe die beste Entscheidung war. Denn selbst mit all meiner Liebe hätte ich ihm niemals diese Förderung zukommen lassen können die er dort erhält. Jetzt geht er seid zwei Jahren in die Schule die in dieser Einrichtung liegt und macht enorme Fortschritte. Die Wochenenden und Schulferien verbringt er zu Hause. Diese gemeinsame Zeit genießen wir nun umso mehr.




Veröffentlicht14. Dezember 2016 von Mija in Kategorie "Was zum mitfühlen

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