Dezember 17

Schlechtes Gewissen weil wir Weihnachten feiern?

imagesQuelle Bild: Colourbox

In den letzten Tagen und Wochen hört man immer mal wieder Sprüche wie:

  • Hier trinken wir auf den Weihnachtsmärkten Glühwein und hören Weihnachtslieder. Woanders fliehen Menschen vor Krieg und Terror.
  • In Syrien sterben Menschen und in Deutschland freuen sich alle auf das Weihnachtsfest. Damit das Gewissen beruhigt wird spendet man noch schnell 10 Euro. In was für einer verkehrten Welt leben wir eigentlich?

Klingt wie:

  • In Afrika verhungern Menschen und du maulst weil du das Essen nicht magst und schmeißt den Joghurt weg nur weil er verschimmelt ist.

Das vorweg. Ich bin absolut und uneingeschränkt pro Flüchtlinge und finde den Krieg in Syrien, wie übrigens alle Kriege, abscheulich. Aber, kein Krieg wird dadurch beendet dass wir keine Weihnachtmärkte mehr besuchen oder gar auf Weihnachten verzichten. Und kein einziger Mensch in Afrika hungert weniger wenn wir etwas essen was wir nicht mögen oder mal einen verschimmelten Joghurt aufbewahren. Übrigens spenden die meisten Menschen nicht weil sie ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollen sondern weil sie keine andere Möglichkeit haben zu helfen. Was am spenden schlecht sein soll entzieht sich generell meiner Kenntnis. Der eine spendet Geld für einen guten Zweck, ein anderer Essen für Obdachlose und wieder ein anderer spendet seine Zeit um zu helfen. Wer sind wir, zu entscheiden wer von denen nun der bessere Mensch ist?

Wenn wir uns nur dadurch identifizieren ein guter Mensch zu sein indem wir auf alle fröhlichen Feste verzichten dann sollten wir vielleicht ein bisschen weniger gut sein. Wo bitte sollen wir die Kraft hernehmen uns um die Flüchtlinge zu kümmern und für eine friedlichere, gerechtere Welt zu kämpfen wenn wir nicht auch mal Abstand nehmen dürfen von dem Grauen? Einfach mal nur wir sind?

In der Flüchtlingsunterkunft in der ich sechs Monate Ehrenamtlich gearbeitet habe gab es einen Seelsorger. Dieser sagte uns Helfern einmal folgendes:

„Helft wenn ihr hier seid. Aber wenn ihr nach Hause geht kümmert euch um eure Familien um eure Freunde und vor allem um E U C H selbst. Lebt euer Leben, geht aus, feiert und lacht. Nur so könnt ihr diese Arbeit hier bewältigen. Es braucht eine gewisse Distanz um zu helfen. Keinem ist geholfen wenn ihr unter der Last zerbrecht.“ 

Diese Worte habe ich mir zu Herzen genommen. Er hatte damals Recht und er hat es heute noch. Da gibt es so unendlich viele Geschichten die mir Flüchtlinge erzählt haben, von denen ich gehört oder gelesen habe. Geschichten die mich weinen ließen, die mir mehr als nur eine schlaflose Nacht beschert haben.  Mit vielen, vielen anderen Freiwilligen kümmerte ich mich hauptsächlich um die Verpflegung der Flüchtlinge. Teilweise waren es täglich 12 Stunden und mehr.

Diese sechs Monate dort haben mich verändert. Wie sollten sie auch nicht. Man wächst über sich hinaus, man schafft Dinge die vorher unbezwingbar schienen. Man lernt Menschen kennen die kommen um zu helfen. Einfach so. Und doch haben all diese Menschen auch noch ihr eigenes Leben, ihre eigenen Familien. Das ist etwas, das man nie vergessen sollte, ja, nicht vergessen darf.

Mir fallen in diesem Zusammenhang immer Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und Rettungskräfte ein. Was diese Menschen an Leid sehen ist mehr als sie aushalten würden Wie sollten sie ihrer Arbeit noch nachgehen können, würden sie sich nicht irgendwo auch ein stück weit distanzieren. Nur und ausschließlich so kann man wirksam helfen ohne selbst zusammenzubrechen. Jeder sollte seine eigenen Grenzen ausloten. Aber bitte versucht nicht euch ein schlechtes Gewissen einzureden und lasst auch nicht zu, dass andere es tun. Das hat niemand verdient nur weil ihr/sie auch noch feiern und lachen. Sei es nun Geburtstag, Hochzeit oder Weihnachten. Das schlechte Gewissen sollten wir denen überlassen, die Bomben werfen, Waffen verkaufen, über Flüchtlinge und Minderheiten hetzen, Rassisten und Nazis. Denen fehlt ein solches allerdings völlig.

Ich wünsche Ihnen allen ein schönes und besinnliches Weihnachtsfest. Genießen Sie diese Tage

 




Veröffentlicht17. Dezember 2016 von Mija in Kategorie "Was zum diskutieren", "Was zum nachdenken

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